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Leben heißt entscheiden – Entscheiden heißt Leben

Wir kennen sicherlich alle das Gefühl des Getriebenseins. Andere bestimmen scheinbar über unser Handeln, und wir haben gar nicht mehr die Wahl freier Entscheidungen. Im Extremfall kommt es zu dem Gefühl des „Gelebtwerdens“. Der Chef kommt immer dann mit einer Aufgabe, wenn ich gerade nach Hause gehen möchte. Der wichtige Präsentationstermin ist vom Kunden schon wieder verschoben worden. Kollegen kommen zu spät zu Besprechungen. Die Kinder fordern Aufmerksamkeit, wenn ich gerade in Ruhe einen Kaffee trinken möchte. Ich rufe Freunde an, um deren Kommentar zu vermeiden, dass ich mich nie melde. Der Mann nörgelt, weil seine Lieblingshose noch immer nicht gewaschen ist. Sollte Ihnen das vollkommen fremd sein, dann kennen Sie sicher jemanden, der diese Gefühle schon einmal beschrieben hat.

 

„Ich habe doch keine Wahl“

 

Auf diese Situationen reagieren wir zuerst einmal emotional: Wütend, verärgert, frustriert, ratlos, um dann ein wiederkehrendes Reaktionsmuster anzuwenden. Wir bleiben länger, um die Arbeit zu erledigen. Wir sind freundlich zu unserem Kunden und akzeptieren seinen neuen Vorschlag obwohl er uns gar nicht passt. Wir fahren die Kinder zu ihrer Verabredung, rufen weiterhin die Freunde an und starten noch einmal die Waschmaschine. Vielleicht ist unser gewohntes Reaktionsmuster aber auch das genaue Gegenteil, und wir ignorieren all die Fragen und Anforderungen mit dem Hinweis, an den ursprünglichen Plänen festzuhalten.

 

Nach den Gründen befragt, warum die Reaktion gerade so und nicht anders ausgefallen ist, lauten die Antworten: „Welche Wahl habe ich denn? Die .... (setzen Sie hier wahlweise Familie, Arbeit, Freunde, Kinder ein) haben nun mal Vorrang“ erweitert um Begründungen wie: „Die Familie ist schließlich das Wichtigste in meinem Leben“, „Mein Chef macht mir sonst das Leben zur Hölle“, „Das ist wichtig für die Firma“, „Sie sind gerade in einer Krise, da muss ich mich kümmern“. Auf einen Nenner gebracht, fühlen wir uns als Opfer der Umstände aus denen es kein Entrinnen gibt.

 

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“

 

Doch diese Annahme ist falsch! Der Neurologe und Psychiater Victor Frankl prägte den Satz: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegt unsere Entwicklung und unsere Freiheit. Dieser beschriebene Raum zwischen Reiz und Reaktion zeichnet uns als Menschen aus. Wir haben die Möglichkeit einer selbstgewählten Reaktion in jeder Situation erneut. Wir entscheiden und niemand sonst. Diese Erkenntnis mag schwer zu akzeptieren sein, denn damit haben wir die volle Verantwortung für unser Handeln und somit unser Leben. Wir können niemanden sonst oder irgendwelche Umstände für unsere Lage verantwortlich machen. Und darin liegt eine wundervolle Chance: Die Möglichkeit unser Leben aktiv zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen, die Opferrolle zu verlassen, zu formen anstatt geformt zu werden. Wir sagen „Ja“ oder „Nein“ zu unserem Chef/Kind/Partner/Freund, weil wir es wollen, nicht weil wir scheinbar „müssen“. Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Entscheidungen und sind damit auch bereit, mit den Folgen umzugehen. Denn mit neuen Wegen gehen wir auch Risiken ein. Wer weiß schon wie der Chef reagiert, wenn wir nicht länger bleiben, oder die Freunde keinen Anruf bekommen? Entscheidungen selber zu treffen, erfordert Mut.

 

„Am Anfang das Ende im Sinn haben“

 

Woran orientiere ich mich bei meinen Entscheidungen? Treffe ich sie willkürlich und immer wieder neu? Heute so und morgen anders? Wie schön wäre es, wenn ich eine Orientierungshilfe hätte. Einen Leitfaden und Bezugsrahmen, der die Richtung vorgibt. Stephen Covey empfiehlt hierzu sein eigenes Leitbild zu formulieren indem man sich das Ziel seiner eigenen Persönlichkeit definiert. Dieses Leitbild soll selbst gewählt sein, um für mich hilfreich zu sein. Es beschreibt meinen Charakter, wie ich handle und auf welchen Werten mein Sein beruht. Den Weg dorthin beschreibt Corvey als einen Prozess. Er benötigt Zeit, innere Besinnung und regelmäßige Überarbeitung. Einige Beispiele für mögliche Inhalte eines Leitbildes:

 

-          Beide Seiten anhören, bevor ich ein Urteil fälle

-          Den Humor bewahren

-          Meine Kinder in ein selbstbestimmtes Leben entlassen

-          Risikofreudig und risikobewusst sein

-          Mehr Zuhören als Sprechen

-          Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie erreichen

-          Meinen Mitarbeitern in jeder Situation mit Respekt begegnen

 

Das Bewusstsein um die eigene Handlungsfähigkeit und das Erstellen eines eigenen Leitbildes sind nur der Beginn der Reise in die Selbstbestimmung. Aber auch eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

 

Wann erstellen Sie Ihr Leitbild? Wie füllen Sie den Raum zwischen Reiz und Reaktion? 


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